Nie-agra, Neia-gerra, Viagra oder Nei-gra Falls? "naɪˌæɡ(ə)ɹəˈfɔːlz" ist die richtige Aussprache (kein Kanadier versteht die deutsche..) für das, was uns am Wochenende erwartet hat. Was die indianisch-stämmigen Nordamerikaner wohl denken müssen, wenn sie so einige Verunglimpfungen der von ihnen benannten weltberühmten Fälle hören? Sicher nicht so schlimmes, wie wenn sie das sehen, was aus dem einstigen Siedlungsplatz der Indian Nations (so nennt man die Ureinwohner also politisch korrekt...), dem Ort Niagara Falls, geworden ist. Gruselig. Aber dazu später mehr.
Nach dem wir uns ein mittelgroßes Wägelchen gemietet hatten, ging es am Samstagmorgen (ohne Spontanentscheidu

ngen in der Vornacht) auf direktem Wege gen Süden, gen USA, gen der großen Fälle... schon auf der Fahrt wurde uns erneut eine Eigenheit der Kanadier gewahr: die Gewohnheit, KEINE wegweisenden Verkehrsschilder aufzustellen. Wozu auch, ist ja nur das zweitgrößte Land der Welt. Da findet man sich ja ganz von allein zurecht. Vor allem wenn der Highway einfach aufhört und man durch unendlich gleichaussehende Wohnsiedlungen oder furchtbare Kleinstädte gondeln muss. Weiß ja jeder Bescheid, wo er hinmuss. Zumindest theoretisch. Wie durch ein Wunder entdeckten wir das erste Schild Richtung Niagara Falls ca. 35km vor Ortseingang - die vorherigen 110 sind wir mehr oder weniger nach Sonnenstand und daher vermuteter Himmelsrichtung gefahren. Aber auch das funktioniert offensichtlich! Nachdem wir unser Hostel gefunden hatten, waren wir zunächst etwas konsterniert. Warum? Denkt an amerikanische Filme, die so Titel wie "Arlington Road" tragen und in denen Stadtperipherie ein

en Teil der Kulisse stellt. Uah. Zum Glück sah das Ganze von Innen sehr sympathisch aus und, was uns gleich von dem redebedürftigen, aber sehr netten Hostelbesitzer, Patrick, unter die Nase gerieben wurde, war eines der besten Hostels Nordamerikas, das regelmäßig von solchen Bewertungs-Homepages, dazu gekürt wird. Ob Patrick seine Nächte damit verbringt, sich selbst zu evaluieren, ist nicht bekannt. Seinen musikalischen Eigenauswüchsen nach, klingt es aber nicht so. Von Patrick mit besten Tipps und lustigen Infos ausgestattet (die Hauptstraße im Ort Niagara Falls heißt "Clifton Hill", unter Insidern besser bekannt als "Clifton Hell"), beschlossen wir, den restli

chen Tag zunächst mit einer Wanderung im Flusstal des Niagara Rivers zu bestreiten. Erst haben wir uns das, was vor uns liegt von oben angeschaut (was schon sehr nette Anblicke bot) und dann sind wir auch direkt losgestiefelt - über Stock und Stein, aber immer schön am türkisen Wässerchen entlang (Wässerchen ist ein leichter Euphemismus, wenn man bedenkt, was für Wassermassen sich in diesem Teil Kanadas (und der ständig gegenwärtigen - weil auf der anderen Seite liegenden - USA) durch ein von der Eiszeit geschaffenes Felsental bewegen).
Da auch hier keine Schilder vorhanden waren, verließen wir uns zunächst auf unseren (völlig unbenutzten - die Energie steckte in den Füßen) Verstand. Oder hätten das besser tun sollen. Denn wir liefen und liefen und liefen und genossen die felsige, wässrige, indian-summer-liche, verlaubte, von Bibern bearbeitete und schöne Gegend. Bis es langsam dunkel wurde. Ups. Ein paar Angler gefragt, die wild in der Luft rumfuchtelten und damit den ungefähren möglichen Aufstiegspunkt anzeigen (oder uns warnen?) wollte

n, stiefelten wir weiter. Zwischenzeitlich b

eruhigten wir uns durch eventuelle Höhlen, in denen wir Übernachten könnten und ich war beruhigt, meine Sicherheitsdecke für den Notfall dabei zu haben... ;) Zu allem Übel haben wir auf einem kleinen - als Abkürzung gedachten - Aufstieg auch noch einen alten zerschrotteten Buick entdeckt, der irgendwann mal ziemlich ungünstig von der Straße abgekommen und in die Schlucht heruntergestürzt sein musste. Beeindruckend. Und antreibend. Nach einer weiteren halben Stunde, in der es immer dunkler wurde und die Pupillen immer größer, trafen wir doch noch zwei Angler, die uns genau den Weg weisen konnten und so schafften wir es ziemlich genau bei drückender Finsternis die Straße oberhalb der Schlucht zu erreichen. Schön war das.
Nachdem wir uns noch einen kleinen Nachteindruck der Niagara Fällen (der Fkuss in dem Tal leitet das Wasser weiter in Richtung der vier großen Seen und letztlich des Atlantik) mit einer Brise Sprühwasser besorgt hatten, zogen wir uns erstmal ins Hostel zurück, um und mit einer Unmenge Eiern, von sicher sehr unglücklichen Hühnern zu reanimieren. Danach ging dann auf in das schon vor unserem Fenster verführerisch/abschreckend blinkende Little Vegas - ja, so nennt man den Ort Niagara Falls. Ein riesengroßes Disneyland, das sich alle Attraktionen der Welt zusammenklaut (London Eye, Madame Tussauds, Grand Hotel/Casino Vegas, Hard Rock Café, CN-Tower, Skyline usw.) um die 85% Amerikaner die hier ihren Jahresurlaub (zwischen Hotel und "Clifton Hell") verplempern, zu befriedigen, frei nach dem Schema: "Lass uns mal mitm Shuttle zun Wasserfällen fahrn. Hm,

hatt ich mir größer vorgestellt. Wir müssen zurück ins Hotel, es gibt Mittagessen." Soweit zumindest Patricks Erzählungen... Im Ernst: Wer nachts um eins noch ne Geisterbahn braucht - kein Problem, vorhanden. Wer nachts um eins noch einen überdimensionalen Frankenstein mit Burger bewundern will - kein Problem, vorhanden. Wer nachts um eins noch ein bisschen Budenschießen machen möchte - auch kein Problem, alles vorhanden. Oder

wer schlichtweg noch eine Ladung Burger oder Black Jack und N***** braucht - auch kein Problem. Heißt ja nicht umsonst Little Vegas. Remember: Clifton Hell!
Kaum zu ertragen, nur mit einem Cocktail im Hard Rock Café und einem Riesling-Wein aus dem größten kanadischen Weinbaugebiet - der Niagara Peninsula. Nachdem die Eiswein-Industrie in Deutschland flöten gegangen ist, haben die sich alle genau hier niedergelassen, so dass fortan ein paar der besten Weine der Welt direkt aus dem Microclima der Niagara Peninsula kommen!
Doch beiseite mit den netten Dingen. Die Stadt wurde wirklich direkt an die weltberühmten Niagara Fälle rangebaut. Schaut man links - Naturwunder. Schaut man rechts - pseudo Wohlhabens-Skyline. Oh Gott. Wie gut, dass wir am letzten Tag der diesjährigen Saison dort waren, ansonsten wären die Menschenmassen unerträglich. Schon so ist es manchmal kaum auszuhalten und man ist einigermaßen froh, dass der grollende Bass des stürzenden Wassers verhindert, dass man allzu viel Gebrabbel hört. Denn zwischenzeitlich fühlt man sich wie auf dem Weg zum Festivalgelände. Und dann liegen sie vor dir. Die

mickrigen amerikanischen Fälle hust und die gewaltigen kanadischen Fälle (wg ihrer Form "Horseshoe Falls" genannt). Wow. 58m kracht das Wasser in die Tiefe und erzeugt eine dermaßene Gischtwolke, dass manchmal kaum etwas von Amerika zusehen ist, bzw. man die Wasserfälle schon von Weit her erahnen kann. Das Sehen von der Promenade aus, war uns nicht genug. Wir stürzten uns in die Fluten. Natürlich (mangels Alternative) mit der berühmten, auch sehr touristisch strapazierten, Maid of the Mist, die heute ihre letzten Touren für dieses Jahr tat. Unser hübsches Regencape aufgezogen ging es 500m Fluss aufwärts und in die Nähe der rauschenden Massen. Und ich kann bezeugen, von unten gesehen verstummt jedes Rumgetöne. Vor allem auch, weil man verdammt nass wird (wie man an den Wasserflecken auf den entsprechenden Fotos sehen kann)... aber letztendlich wars, trotz respekteinflößender Wirkung, viel zu kurz... dort unten hätt ich gern noch ein bisschen gestaunt.
Vor dem endültigen Rückweg wollten wir noch einen Abstecher nach "Niagara-on-the-Lake" machen, verwirrend - aber so heißt ein weiterer Ort, der direkt am Lake Ontario, quasi gegenüber von Toronto gelegen ist. Durch weite Weinfelder, vorbei an riesi

gen (!) Trauerweiden erwartete uns ein schönes ruhiges herbstlich-sonniges Abschiedsbild, bei dem man, wenn man genau hinsieht, sogar Torontos CN-Tower und die Skyline erkennen konnte... nach einem kleinen Picknick ging es dann also wirklich zurück nach Waterloo und - verdammt, es war schon dunkel - diesmal ohne Sonne. Wir haben uns nur gefühlte 387x Verfahren und in Städten mit kultiviertem Namen wie "Cambridge" nur Besoffene nach dem Weg fragen können, die immer "straight forward, then turn left, then turn right" sagen konnten. Na super. Es war 'ne Katastrophe, die trotzdem eine glückliche Auflösung nach sich zog. Und so langweilig das jetzt ist: Ich bin müde und muss dringend ins Bett! :)
Hier noch ein paar weitere Eindrücke:

Ein Wochenende über Stock und Stein...

...mit interessanten und seltsam stimmenden Entdeckungen in friedlicher Umgebung...

...gewaltiger Dynamik...

...einer überdimensionalen Gischtwolke...

...der neuesten Herbstmode vor In-Style-Skyline...

...Rosamunde Pilcher-Stimmung zum Tripabschluss...

...und der Wahl meines Lieblingsburgers. Cali. Wir müssen Essen gehen.
Guten Morgen nach Europa!