Bevor seit heute in Downtown Toronto ein paar linke Bazillen "Anarchie" rufen, "Klassenkampf" an die Wände sprühen und McDonalds- und Starbucks-Scheiben einschmeißen, um dabei gegen Alles und Nichts zu demonstrieren und ein bisschen Spaß am Krawall zu haben (Polizeiautos würden auch angezündet), haben wir gestern Abend in der jetztigen Brennzone noch einem wahren Upper-class Spektakel gefrönt: In Latschen, kurzer Hose und durchgeschwitztem T-Shirt fiel uns spontan der Auflauf von Anzug- und Abendkleid-Figuren auf. Wo? Am National Ballet of Canada. Und so gingen wir einfach mal ins Blaue hinein und haben gefragt, was denn ein Kärtchen kostet und obs nen Dress Code gibt. Bei letzterem haben wir direkt Glück gehabt, bei ersterem auch: Da wir eine Stunde vor Beginn der Vorstellung kamen, kosteten die Karten nur die Hälfte! Erschwinglich waren für uns dennoch 'nur' die ersten Reihen des 5ten Ranges (24$ pro Stück, wie gesagt, 50% reduziert), aber das half vielleicht, damit nicht zuviele Leute die Nase rümpften aufgrund unseres Outfits. Mein erstes Ballettstück und das auch noch mit einem spitzen Orchester und Tanzensemble. Okay, zugegeben, der Upper class-Muff zog schon sehr durch den Raum, v.a. durch das extrem klassische Bühnenbild, dass einen mustergültig in das 19. Jahrhundert zurückversetzte - die passende Zeit, denn es wurde "Onegin" zum besten gegeben. Die Geschichte (basierend auf einem Gedicht, untertitelt "Roman in Versen", von Alexander Puschkin) ist schnell erzählt. Der Müßiggang langweilt Eugen Onegin, als Ennui aus dem Bilderbuche in St.Petersburg und so entschließt er sich, der Einladung seines Freundes Lensky aufs Land zu folgen. Der möchte dort ein bisschen Party machen, weil er doch schließlich mit der blonden Olga verlobt ist. Anwesend bei dieser Party ist auch Tatiana, die sich in den (auch in den engen Balletthosen) vermeintlich gut aussehenden Onegin verliebt. Der Gelangweilte flirtet halt ein bisschen und Tatiana fällt ihm 'zum Opfer'. Nicht schlafen könnend, schreibt sie ihm des Nachts einen flammenden Brief und lässt diesen durch die Amme ausliefern. Auf dem nächsten Fest, auf dem auch der Petersburger Prinz Germin auftaucht, macht Onegin mit seiner "Diese-langweilige-und-naive-Landfrutte"-Tour weiter, renkt sich beim Gähnen nahezu den Unterkiefer aus, und beginnt, wiedermal aus Langeweile, mit der Verlobten seines Freundes Lensky, Olga, zu flirten. Die ist auch noch so blöd darauf einzugehen. Nicht nur Tatiana fallen die Schuppen von den Augen, sondern auch Lensky sieht sich darauf gezwungen Onegin - sehr schön pathetisch dargestellt - den Fehdehandschuh hinzuschmeißen, nachdem er ihn zuvor zweimal geschmeidig durch sein Gesicht gewischt hat. Beim anschließenden Duell, von dem Tatiana und Olga Lensky noch verzweifelt abzubringen versuchen, knallt Onegin Lensky hinterrücks ab und - oho - blickt das erste Mal in seinem Leben der inneren Leere in seinem Körper ins Gesicht. Seinen kleinen Landausflug unterbricht er plötzlich und lässt alles fluchtartig zurück. Ein paar Jahre später kehrt er nach St.Petersburg zurück und musste zwischenzeitlich, während er gewissermaßen einen Selbstfindungstrip um die Welt machte, begreifen, dass alles was er gemacht hat Dreck war. Außerdem - natürlich - liebt er Tatiana doch! Auf einen Ball des Prinzen Germin (siehe oben) eingeladen, stellt er dann auch noch fest, dass dieser inzwischen Tatiana geheiratet hat. Oh Schreck, oh böse Welt! Nun passiert der Rückgriff auf den Brief erneut - diesmal schreibt er und überreicht ihn anschließend Tatiana, die diesen, wie einst Onegin ihren, zerreißt und ihm den Ausgang zeigt. Klassisch - die unerwiderte Liebe, hach.
Puschkins Gedicht wird heutzutage als Enzyklpädie des russischen Lebens (des 19.Jahrhunderts) und auch der lyrischen Stilgattungen (die er nahezu alle abarbeitet in den 8 Cantons - Kapitel - á 50 Versen) gesehen, so reich an scharf beobachteten Einblicken in das Verhalten des Adels und die Literaturgeschichte ist es. Zudem auch noch verdammt romantisch angehaucht und so waren das Bühnenbild und die Kostüme des (für irgendnen Woody Allen-Film) Oscar-prämierten Santo Loquasto gleichfalls voller Land- und Gartenromantik - das perfekte Setting für das doch sehr auf Drama ausgelegte Ballett, das mit seinen Bildern gut und gerne an einschlägige impressionistische Edgar Degás Darstellungen der Tanzart erinnerte. Die Krone der ganzen Geschichte ist meiner Ansicht nach allerdings die (brilliant vom Orchester performte) Musik von Tschaikovsky gewesen, die bei seiner gleichnamigen Oper "Eugene Onegin" entstand und für das Ballett umarrangiert wurde. Wo? Das ist der nächste Witz: in Stuttgart! Überhaupt, die Adaption ist 1965 in Stuttgart entstanden und auch der erste Ballettsolist gestern, Jiri Jelinek, hat gerade von Stuttgart nach Toronto gewechselt. Immer wieder die Rückbezüge nach Deutschland... Insgesamt ein - für mich - interessanter Mix aus Stummfilm-Atmosphäre, mit exzellenter Orchestermusik und sehr guter Akustik. Die Tanzbewegungen? Nunja, man kennt sie halt, Pirouette hier, pathetischer Sprung dort. Der finale Tanz zwischen Onegin und Tatiana jedoch (und auch die vielen Ballszenen) war wirklich schön anzusehen, nicht zuletzt auch wegen der guten Harmonie mit dem Orchester. Nur die beiden 20-minütigen Pausen nach jeweils 45 Minuten machten den Eindruck, als wollte der Laden verstärkt ein bisschen Haegen Dasz für 7$ und Wein für 12$ das Glas verkaufen. Wir hatten übrigens Glück, war doch die Aufführung gestern die letzte der Saison. Im Zusammenspiel mit dem vorherigen Essen beim Inder also ein Abend für die Sinne (O-Ton Cali!).

Aufgrund der Spontaneität nur ein Handybild von unserm Plätzchen.

Opulentes und - muss man auch sagen - schönes Bühnenbild, aber manchmal etwas seehr klassisch...

...so dass der Oberschichteneindruck noch verstärkt wurde und das Innovative und Überraschende etwas fehlte. Nicht überraschend übrigens: die engen Hosen, die immer ein bisschen lächerlich wirken.
Apropos überraschend: ein Wort noch zum kanadischen Publikum. Das ist im Schnitt grundsätzlich jünger als in Deutschland und extrem Standing ovations-willig. Ob das an der nicht sehr langen Kulturgeschichte liegt? Oder es herrscht einfach nicht so eine "Ich-habe-bezahlt-und-werde-dafür-jetzt-bedient"-Mentalität. Egal was der Grund ist, enthusiastisches Jubeln und auch anerkennendes Rufen kreiiert jedenfalls ein wesentlich freundlicheres und lockeres Bild, auch bei einer Veranstaltung, die in Deutschland eine Steifheit mit sich bringen könnte, dass einem die Rübe abbricht. Cheers.