Donnerstag, 26. August 2010

Geben Frauen in Gemälden Telefonnummern?

Mein erstes qualitativ wertvolles Gespräch heute morgen drehte sich etwa um das, was die Überschrift suggeriert. Der proteinshakekonsumierende Mittvierziger, John übrigens, griechischer Abstammung - er ist gerade auf einer Promotiontour für den Kram durch Kanada - der bis heute über mir genächtigt hat (man gut, dass das Bett bei all dem Muskelgewicht nicht zusammengebrochen ist), fragte mich, was ich gestern gemacht hätte. Als ich bei der Artgallery angekommen war, fragte er mich, obs da viele Mädels gebe - woraufhin ich nur antworten konnte: "Sicher, vor allem in den Bildern, die dort hängen." Vielleicht hat er mich nicht verstanden, jedenfalls fragte er mich, ob ich viele Nummern absahnen konnte. Als ich dann meinte, dass ich mit Calis Telefonnummer schwer zufrieden bin, guckte er mich ungläubig an. "Na son bisschen nebenbei, hm? Nich? Oh." Prost. Guten Morgen auch. Um nicht Gefahr zu laufen, gleich einen Hirnkollaps zu erleiden, habe ich dann schnell den Raum verlassen und bin zum Frühstück aufgebrochen - und John ward nie wieder gesehen. Auch nich so schlimm. Vielleicht hat der Judit aus dem Gemälde von Caravaggio oder der Gentileschi angerufen. Da soll man ja mal schnell den Kopf verlieren. Nebenbei bemerkt übrigens: ständig läuft man hier in Vancouver Leuten über den Weg, die man in den letzten Wochen woanders getroffen hat, darunter z.B. der Küchen-Schotte aus Banff oder der unsympathische Zimmerkollege von dort, der nichtmal "Hallo" sagen konnte (hatter übrigens noch immer nicht gelernt), oder aber zwei Asiaten, die mit mir in Victoria auf den Bus gewartet haben. Vancouver ist eben der große Ein- und Ausgangspunkt hier im Westen! Auf dem Programm standen heute dann zwei Bezirke der Stadt, die ich vorher noch nicht gekreuzt hatte. Am Rande Downtowns steuerte ich zunächst Gastown an. Gastown ist die historische Keimzelle Vancouvers, die in den 1860ern zu sprießen begann. Benannt ist der Ort nach "Gassy Jack", dem ersten Wirt der Stadt, der für seine Geschwätzigkeit (engl. "gassy") berühmt war. Wahrzeichen der kleinen historischen Enklave ist eine Dampfuhr aus der gleichen Zeit - die erste ihrer Art weltweit. Funktionieren tut das Teil etwa so: Die Uhr hat einen mechanischen Pendelmechanismus. Durch einen Paternoster und das Gewicht von umlaufenden Kugeln wird der dann angetrieben. Die erwähnten Kugeln werden von einer Dampfmaschine im Inneren der Uhr wieder nach oben befördert, dieser Wasserdampf stammt aus der Fernheizung des Viertels. Und so raucht die Uhr dann so vor sich hin. Verstanden wies geht? Ich auch nicht. Wie auch immer. Zur vollen Stunde gibt die größte der fünf Dampfpfeifen einen Ton sich, die vier kleineren spielen zu jeder Viertelstunde den Westminsterschlag. Nachdem Gastown schnell als Sägewerk und Hafen wuchs, zum Finanz- und Handelszentrum im Westen wurde, erhielt das Örtchen 1886 dann das Stadtrecht und hieß fortan "Vancouver". Wäre das auch geklärt! Wer auch immer mochte das aber offensichtlich nicht, und so brannte die Stadt noch im gleichen Jahr nieder. Schwupp war der Stadtteil Gastown bis auf zwei Häuser wieder futsch. Bis 1920 hat der Wiederaufbau dann gedauert. Heute ist das Viertel eine nette Flaniermeile, mit älteren Fassaden, ner Menge Souvenirshops und teuren Restaurants, wies eben so ist. Um den Kontrast zu der westlichen Konsummeile zu bekommen, führte mich mein Weg schließlich weiter ins nahegelegene östliche Konsumviertel: Chinatown. Dieses Chinatown ist nach San Francisco das zweitgrößte in ganz Nordamerika (und ich dachte Torontos wär groß...). Hier sieht es teilweise wirklich wie im fernen Osten aus, wenn man zum Beispiel die funktionalen niedrigen Betonbauten betrachtet, oder aber die an klassische chinesische Architektur angelehnten Häuser. Um mir gleich den Asien-Overkill zu geben, bin ich dann noch durch die Reste von Japantown geschlappt, wobei das mittlerweile fast vollständig von den Chinesen okkupiert ist. Man gut, dass das keine politischen Repräsentationsinstanzen sind... Dort vagabundierte ich etwas in einem japanisch aufgemachten (und ein bisschen vernachlässigten) Park herum. Eigentlich dachte ich, dort was günstiges Essbares zu finden, pustekuchen - oder ich war an den falschen Stellen. Konnte ja aber die Schilder nich lesen. Blöde Kombi. Also zurück nach Downtown, auf Essenssuche, weiter an meiner Gebe-Ich-Obdachlosen-Geld?-Meinung gearbeitet und anschließend zurück ins Hostel. Nach einer weiteren Bachelorarbeits-Korrekturrunde und einer Dusche (ruhigste Zeit abgepasst und holladiewaldfee war das warm heut...) fühle ich mich nun wie neugeboren und schlappe nachher nochmal in die Stadt für meinen Abendspaziergang. Hier nun aber die Dokumentation des heute Gesehenen:

Die 600.000 Leute müssen ja übrigens irgendwo wohnen: Was ihr hier seht, ist die vorherrschende Architektur für Wohnhochhäuser. Genauso wie bei der großen Konkurrentin Toronto und überall anders...

...türmen sich die Teile in Grün- und Blautönen und viel Glas in die Höhe.

Nach etwa 20 Min. Fußmarsch dann kommen ein paar Gebäude mit weniger Stockwerken...

...Vancouvers Keimzelle Gastown wartet dann mit Fassaden aus den letzten hundert Jahren...

...und lädt zum Flanieren ein...

...dann kommt man an der ersten Dampfuhr der Welt vorbei...

...die vor sich hindampft und pfeift. Anschließend gehts weiter...

...doch so schnell man kam, so schnell ist man irgendwie wieder draußen...

...und plötzlich steht man in Chinatown: hallo!

Dann ein kleiner Abstecher in den japanischen Park...

...dessen traditionelle Ansicht sich nett mit den modernen Hochhäusern bricht.

Ein kleines Einod in der großen Stadt...

...doch schaut, da im Hintergrund...

...da schließt sich der Kreis: die typischen Wohnhochhäuser.

Übrigens sah das Wasser ziemlich 'umgekippt' aus.

Achja, ein Nachtrag: Hier hatte jemand einen berechtigten Einwand gegen den vielleicht zu unbedacht gestrickten Werbeslogan einer Jeansfirma... oder?
(Freie Übersetzung: "Jedermanns Arbeit ist gleichermaßen wertvoll." - Daneben handgeschrieben: "Und wie steht's da um Josef Mengeles [Arbeit]?")

Und der zweite Nachtrag nach dem Abendspaziergang: Ich hab die hutzeligste Kirche, die jemals den Titel "Kathedrale" trug, entdeckt - die Christ Church Cathedral in Vancouver:

Gute Nacht!

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